Dieser Blog ist eine Fortführung meines Buches »Was von uns übrig bleibt«, das bei Rowohlt erschienen ist (Leseprobe). Es beschäftigt sich mit den Spuren, die wir hinterlassen, wenn wir lange an Orten gelebt haben (oder auch ganz kurz vorbeigeschneit sind), wenn wir Menschen begegnen und sie kennenlernen oder wenn wir die Welt verlassen. »Was von uns übrig bleibt« fragt natürlich auch danach, wie man sich an uns erinnern sollte. Und was Menschen über die Jahrhunderte angestellt haben, um in Erinnerung zu bleiben – an einem Ort, in anderen Menschen, in der Welt. Diese Themen sind mir sehr nahe, deswegen lassen sie mich nicht los, auch wenn das Buch fertig und im Handel ist. Und ich kann mir vorstellen, dass das auch anderen Menschen so geht. Für diese ist diese Website. Was ich hier poste, gibt es übrigens auch auf Facebook.

Sven Stillich

Die Frage dahinter II

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Hier geht es mir so: Es gibt gar nicht so viele Orte, die ich gar nicht mehr besuchen möchte. Ein Krankenhaus, in dem ein mir lieber Mensch gestorben ist, fällt mir ein. Eine U-Bahn, in der ich einmal saß in einem Tunnel, über eine halbe Stunde. Ein griechisches Restaurant in den Vororten Hamburgs. Vielleicht sollte ich mich freuen, dass mir nichts Schlimmeres einfällt.

#Boatstobags: Aus zurückgelassenen Flüchtlingsbooten werden Taschen und Rucksäcke

Trotz größter Lebensgefahr flüchten immer wieder Menschen in Schlauchbooten übers Mittelmeer. Viele sterben dabei. Vera und Nora zwei junge Frauen aus Berlin haben auf der griechischen Insel Chios erlebt, welche menschlichen Tragödien sich an den Stränden abspielen. Ein Symbol für all das Leid: die zurückgelassenen Schlauchboote. Die beiden Frauen waren so beeindruckt, dass sie ihre Jobs kündigten und ein Startup gründeten. Aus den Häuten der alten Schlauchboote, machen sie nun Taschen. Motto: Boats to bags.

ARD (Mediathek, 8 min.)

Die Frage dahinter I

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Hier geht es mir so: Ich könnte sagen »Grand Canyon«, denn da war ich mal, und da würde ich sehr gerne noch einmal hin, dieses Mal mit mehr Zeit. Ich könnte aber auch sagen: an den Ort, an dem ich aufgewachsen bin – und zwar vor 40 Jahren. 1979. Da war ich zehn Jahre alt. Und ich würde so gerne sehen, wie der Ort damals wirklich war. Wie viel von meiner Erinnerung stimmt. Der Grand Canyon hingegen hat sich in den vergangenen rund 15 Jahren weniger verändert als ich selbst, nehme ich an.

Herzliche Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Allzu leicht wäre es hier zu antworten: Ich weiß es nicht. Denn natürlich weiß ich es nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass die oder der andere sich Gedanken machen würde, ob nun ein Teil von mir in ihr oder ihm am Werke ist. Ob mein Herz ruhiger schlägt als ihres zuvor. Ob mein Herz leidenschaftlicher ist als seines. Ich würde mir diese Gedanken machen. Und dazu noch einen: ob ich mich anfreunden könnte mit meinem neuen Herzen und dessen mir unbekannter Vergangenheit?

Warum bin ich so allein? Wege aus der Einsamkeit

Renate L. ist Mitte 60, lebt allein und fühlt sich einsam, seitdem ihr Partner vor ein paar Jahren überraschend verstorben ist. Ein Zustand, den sie nur schwer ertragen kann. Unter Einsamkeit leiden immer mehr Menschen und die Folgen können verheerend sein: laut Studien verringert Einsamkeit unsere Lebenserwartung stärker als Übergewicht oder Rauchen.

ARD (Mediathek, 29 min.)

Frageding

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Auf diese Frage kann man schnöde antworten – Unterhose, Schlüssel, Handy –, alles andere wird schwierig. Kann man nicht alles wirklich Nötige überall kaufen (Zahnbürste)? Nein. Was man nicht kaufen kann: die gemeinsamen Jahre mit einem Gegenstand (Armbanduhr, Talisman). Die Erinnerungen, die daran kleben. Bei mir seit Jahren im Portmonnaie: ein plattgedrückter Kronkorken einer Astra-Knolle. Warum? Weiß ich nicht – aber das gehört zu manchen dieser intimen Gegenstände dazu. Das enigmatische, verrätselte, ins Unbekannte verweisende. Ich sage mir immer: Der Kronkorkenchip verweist auf eine tolle Nacht nach einem Heimsieg. Und diese Gute Nacht nehme ich jetzt überall mit hin.

Endgültige Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Verabschiedet für immer, ohne es zu wissen: Das war wohl K., er ist gestorben, während ich das Buch geschrieben habe. Ich vermisse ihn, obwohl wir uns nicht gut kannten. Und ich vermisse den Ort, für den er stand – und den es so in dieser Form nicht mehr gibt und nie wieder geben wird. Ich mochte ihn sehr, und an ihn zu denken, macht mich nicht nur traurig.

Was für ein Ding

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? In meinem Fall wäre das vielleicht eine meiner Zeichnungen. Ich male gerne vor mich hin in Meetings, in der Bahn, wenn ich mich konzentrieren muss (obwohl ich von außen eher abwesend wirke). Diese Skizzen verschenke ich dann manchmal. Oder lasse sie liegen. Sie bleiben dann von mir übrig, und manche haben an Wänden von Freunden schon Jahre überlebt.

Wenn Kinder ihre Eltern pflegen

Michelle ist 20 Jahre jung und hat ihr Abitur gemacht. Auf Ausgehen und Freunde treffen musste sie oft verzichten. Denn seit 10 Jahren kümmert sie sich rund um die Uhr um ihre Mutter, seit diese an Lungenkrebs erkrankt ist. Michelle kocht, wäscht und hilft der Mutter beim An- und Ausziehen. »Ich bin schon manchmal traurig und denke an meine Freunde, die nicht so viel zu tun haben. Aber ich will ja die Mama nicht im Stich lassen«.

ARD (Mediathek, 44 min.)

Nächtliche Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Geträumt habe ich natürlich schon von vielen Menschen, zuletzt von jemandem, den ich das nie sagen dürfte. Wenn ich es mir wünschen dürfte, würde ich mich glaube ich in die Vergangenheit meiner Familie zurückträumen. In einer Art Zeitreise. Wie war wohl meine Urgroßmutter? Wie hat sie meinen Urgroßvater kennengelernt? Ich werde das nie erfahren, das heißt: Ein Traum wäre genauso wahr wie das, was war. Ein schöner Gedanke.

Verlassene Orte

Wenn Menschen Siedlungen aufgeben, hat das Gründe. In Deutschland fielen viele Dörfer dem Braunkohletagebau zum Opfer, andere Orte werden durch Katastrophen unbewohnbar, wieder andere verfallen, weil ihre Bewohner alle weggezogen sind. Ein Besuch bei verlassenen Orten – und fast ein Trailer für »Was von uns übrig bleibt« (30 min.)

BR (Mediathek, 30 min.)

Existenzielle Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Zu dieser Frage kann ich nur sagen: bestimmt. Dazu hatte ich zu viele ehemalige Arbeitsstellen (und innerhalb dieser so viele Arbeitsorte), dass es seltsam wäre, würde nichts irgendwo noch herumliegen auf irgendwelchen Servern. Vielleicht haben aber ja auch Kollegen Mails von mir aufgehoben. Wenn dem so sei – dann hoffentlich aus positiven Gründen.

Schwere Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Das Material, aus dem mein Grabstein sein sollte? Das ist eine gute Frage. Ich denke: auf keinen Fall etwas glatt geschliffenes, poliertes. So werde ich nicht gewesen sein, so wird mein Leben nicht gewesen sein. Ich glaube, ich möchte einen Stein, der nach Stein aussieht. Als würde er schon immer da hingehören. Wie sieht das bei Ihnen und Euch aus?

Meilensteine der Kriminologie

Die frühen Kriminologen hatten es nicht leicht. Ohne Zeugen war einem Täter die Tat nur schwer nachzuweisen. Damals wusste man noch nicht, dass jeder Mensch immer und überall Spuren hinterlässt. Die Geschichte des Spurenlesens begann erst Ende des 19. Jahrhunderts. Erster Meilenstein in der Kriminologie war die Entdeckung des biometrischen Fingerabdruck-Verfahrens – der Daktyloskopie. Mehr dazu natürlich in »Was von uns übrig bleibt«, im Buchhandel.

… ARD (Mediathek,

Eindrückliche Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei mir ist ganz einfach. Jemand, mit dem ich in der vergangenen Woche zusammengearbeitet habe – und mit dem ich gemeinsam eine Formulierung erfunden habe, die außergewöhnlich war, ein bisschen verstörend, provokant. Dass sie dennoch gedruckt wurde in einem Magazin, erforderte viel Gefühl für sprache, Erfahrung und auch Mut.

Das will ich dir noch sagen: Wenn junge Eltern sterben

Als Andrea Bizzotto erfährt, dass er eine unheilbare Krebserkrankung hat, ist seine Frau Maria gerade im fünften Monat schwanger. Heute ist ihre gemeinsame Tochter Giulia zwei Jahre alt, doch der 33-Jährige wird nicht miterleben, wie sie aufwächst. Andrea will Giulia etwas Bleibendes hinterlassen und tippt im Krankenbett seine Lebensgeschichte ins Handy. Kapitel für Kapitel entsteht seine Autobiographie.

WDR (Mediathek, 44 min.)

Wegwerffrage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei mir ist es wohl so, dass mein Müll wahrscheinlich eher langweilig ist. Ein bisschen Bio. Ein bisschen Plastik (was immer weniger wird, hoffe ich). DIE ZEIT lese ich auf dem iPad, das war früher mal sehr viel Papiermüll. Und ich bestelle kaum etwas im Internet, habe also nicht wie meine Nachbarn einen »Amazon Prime«-Karton pro Woche. Der Wein, den ich trinke, hat meist einen Schraubverschluss, es gibt kaum noch Korken. Wie gesagt: Es gibt spannenderen Müll. Ihren vielleicht?

Fragen, denken, sagen

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei dieser Frage würde ich gerne zurückfragen, wer sich denn außer mir für mein Gehirn interessieren könnte, damit sich das lohnt. Aber generell geantwortet: warum nicht? Dann könnte ich vielleicht digital darüber nachgrübeln, wie sich Bewusstsein anfühlt und wie nicht.

Neue alte Bahnstrecken

Gut, dass etwas übrig blieb: In den vergangenen Jahren wurden in Deutschland mehr als 3600 Kilometer Zugstrecke stillgelegt, sie galten als nicht mehr rentabel. Nun wird über die Reaktivierung dieser ehemaligen Bahnstrecken nachgedacht, um Autofahrer von der Straße zu holen. Der Zug zwischen Freiburg und dem französischen Colmar könnte bald schon wiederfahren.

arte (Mediathek, 3 min.)

Das Kriegsmuseum von Kabul

Ein alter Mann steht in einem Museum. Er weint. Denn vielleicht liegt hier in den Vitrinen etwas, das von seinem Sohn übrig geblieben ist. Bei einem Selbstmordanschlag ist der ums Leben gekommen. Und vielleicht liegt hier noch etwas von seinen Sachen. Versteckt in einem Keller hat in Kabul das erste Museum über Zerstörung, Leid und Tod eröffnet.

ZDF (Mediathek, 2 min.)

Frage im Rückblick

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Diese Frage ist natürlich harter Tobak. Es würde mir sogar schwer fallen, hier jemanden namentlich zu nennen, denn alle, die ich wirklich gar nicht vermisse, habe ich wohl auch vergessen. Wahrscheinlich braucht es eine Kombination aus Verletztsein, Wut, Enttäuschung und immer noch glimmender Liebe für einen solchen Menschen. Da fiele mir dann schon jemand ein. Ich sehe sie öfter, wir gehen aneinander vorbei, grußlos. Aber ich zumindest nicht unberührt.

Frage, Küche, Bad

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei mir ist das so: Ich bin mit meiner Wohnung oft ganz zufrieden; sie spiegelt mich wieder in all meiner Widersprüchlichkeit. Manchmal aber bin ich in einer anderen Wohnung oder sehe eine im Fernsehen, die einen großen, weiten Raum besitzt (etwas, das meine nicht hat). Und dann werde ich immer ein bisschen traurig und ein bisschen neidisch. Warum das so ist, weiß ich nicht genau. Aber vielleicht ist das nur eine Variante vom Gras, das beim Nachbarn immer grüner ist.

Bauliche Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Die Antwort auf diese Frage für mich: niemandem eigentlich. Denn meist geschieht das aus den falschen Gründen – weil man sich etwas davon verspricht, weil man dazu gezwungen wird, weil es sich so gehört. Das sind die selben Gründe, warum Denkmäler geschleift werden.