Dieser Blog ist eine Fortführung meines Buches »Was von uns übrig bleibt«, das bei Rowohlt erschienen ist (Leseprobe). Es beschäftigt sich mit den Spuren, die wir hinterlassen, wenn wir lange an Orten gelebt haben (oder auch ganz kurz vorbeigeschneit sind), wenn wir Menschen begegnen und sie kennenlernen oder wenn wir die Welt verlassen. »Was von uns übrig bleibt« fragt natürlich auch danach, wie man sich an uns erinnern sollte. Und was Menschen über die Jahrhunderte angestellt haben, um in Erinnerung zu bleiben – an einem Ort, in anderen Menschen, in der Welt. Diese Themen sind mir sehr nahe, deswegen lassen sie mich nicht los, auch wenn das Buch fertig und im Handel ist. Und ich kann mir vorstellen, dass das auch anderen Menschen so geht. Für diese ist diese Website. Was ich hier poste, gibt es übrigens auch auf Facebook.

Sven Stillich

Karfreitagfrage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei dieser Frage fällt mir als erstes meine liebe Freundin Traude ein, der »Was von uns übrig bleibt« in Gedenken gewidmet ist. Ohne sie gäbe es mich so nicht, ohne sie gäbe es dieses Buch nicht. Ihr Grab liegt weit entfernt. Vielleicht besuche ich sie kommende Woche.

Wenn Berufe verschwinden

Als ich klein war, gab es Tickets für die S-Bahn bei einem Mann, der in einem Häuschen am Bahnsteig arbeitete. Das gibt es lange nicht mehr, aber ich muss immer wieder daran denken: Da, wo jetzt der Fahrkartenautomat steht, gab es einmal diesen Mann. So viele Berufe sind verschwunden: Roßtäuscher, Zinngießer, Wachsbossierer. Welche heutigen Jobs werden ihnen ins Vergessen folgen?

ZDF (Mediathek, 26 min.)

Rhetorische Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? »Papa hat immer gesagt…«, »Wie Oma immer sagte…«: Jede und jeder kann sich an eine Äußerung von Verwandten erinnern, die später wichtig wurde im Leben. Ob sie die Person wirklich gesagt hat, ist dabei nicht immer wichtig. Der Satz ist ein Schnipsel Vergangenheit, der uns an Papa und Oma denken lässt – darum geht es doch vor allem. Oder?

Ein Schädel für Darwin

Menschheitsgeschichte: Das ist eine mehr oder weniger schlüssige Geschichte, die wir uns selbst erzählen – aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fundstücken zwar, aber dennoch bleibt viel Nichtwissen. Das eröffnet Raum für das Verbrechen. So wie bei Charles Dawson und seinem Schädel. Der behauptete, das Bindeglied zwischen Mensch und Affe gefunden zu haben.

ARD (Mediathek, 44 min.)

Über mein Ende will ich selbst entscheiden

Jürgen (50) ist nach einem Hirnstamminfarkt komplett gelähmt. Es geschah von einer Sekunde auf die andere. Auch Harald (48) braucht rund um die Uhr Betreuung. Er leidet unter Multipler Sklerose. Die Krankheit verlief in Schüben, heute ist er bis zum Hals gelähmt. Wenn Harald und Jürgen ihr Leben nicht mehr ertragen können, wollen sie die Freiheit haben, es zu beenden. Doch das wird nicht ohne fremde Hilfe gehen. Darüber, ob die Gesetze das zulassen, wird zurzeit heftig gestritten – auch vor Gericht.

WDR (Mediathek, 44 min.)

Sorry.

Die einzelnen Teile des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Ich versuche, mich immer recht schnell zu bedanken. Deswegen fällt mir gerade niemand ein. Aber vielleicht ist das ja auch die Krux: Dass da draußen vielleicht Menschen darauf warten, dass jemand »danke« sagt – aber die- oder derjenige ahnen davon nichts. Das heißt: Die einen können ewig warten und werden immer grummeliger, die anderen haben nicht einmal die Chance, etwas dagegen zu tun. Also: Reden ist immer besser als Warten. Finde ich zumindest.

Häusliche Frage

Die einzelnen Teile des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei meinen Eltern hängen zum Beispiel noch Bilder an der Wand, die ich als Kind gemalt habe. Und Fotos, die ich gemacht habe. Und meine Mineraliensammlung steht noch in der Vitrine. Ich finde es sehr schade, dass es kein Foto der Kinderzimmer-Tapete gibt, mit der ich groß geworden bin. Ich würde so gerne wissen, ob sie wirklich so aussah, wie ich sie im Kopf habe – grün mit kleinen Gänseblümchen drauf.

Trostfrage

Die einzelnen Teile des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Diese Frage ist sehr persönlich, lässt doch die Antwort aufscheinen, ob jemand offen dafür ist, dass noch Neues da sein wird, für das das Alte Platz machen sollte. Oder ob besser nichts mehr dazu kommen soll im Leben. Ich halte es so: Es ist gut, dass alles vergänglich ist – solange man manchmal die Chance hat, um ein Stück Ewigkeit zu kämpfen und zu gewinnen.

Eine Frage der Disziplin

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei dieser Frage fällt mir die Antwort leicht: ja. Und auf mehreren Festplatten, von denen einige nicht bei mir zu Hause liegen. Ich gehe nicht davon aus, dass meine Wohnung abbrennt – aber meine Daten sind mir einfach zu wichtig. Meine Texte aus den Achtzigern, die Fotos seit den Neunzigern, das Video, auf dem meine Oma lächelt. Die Bürokratie. Wenn das alles weg wäre: kaum auszudenken. Wenn Menschen keine Sicherheitskopien machen (»all die Fotos, die ich so gerne habe, sind nur auf dem Handy drauf«), kann ich das nicht verstehen. Kann doch so wenig Aufwand so viel Leid verhindern.

Virtuelles Palmyra

Das UNESCO-Welterbe Palmyra erlangte in den vergangenen Jahren traurige Berühmtheit: Vor den Augen der Weltöffentlichkeit erlitt die historische Oasenstadt schwere Schäden. Das ZDF und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz haben »die Königin der Wüste« nun in einem VR-Projekt digital rekonstruieren lassen.

ZDF

Hintergründige Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei dieser Frage kann ich keinen Menschen benennen – eher ist es bei mir wohl so, dass Vorurteile einsickern in das Denken und Fühlen, in die Wahrnehmung oder Vorstellung von anderen. Man schnappt sie auf: bei Familienfeiern, in der Schule, in der Bahn. Und bekommt sie nur wieder los, wenn man sich wirklich Mühe gibt.

»Großartig an Stillichs Buch ist der Blick auf die Details des Lebens«, schreibt Zeit Wissen über »Was von uns übrig bleibt« – »so eröffnet es jedem, der es liest, auch eine neue Perspektive auf das, was ihm mit anderen Menschen verbindet, lebenden und toten.«

Herausragende Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Auf diese Frage kann man natürlich nur hypothetisch antworten, und ich wage zu sagen: nein. Warum sollte ich mir auffallen? Spannender ist die Frage: Wenn ich mir auffallen würde, was wäre meine Fantasie zu mir selbst? Würde ich mich nett finden? Ich hoffe doch.

Wertvolle Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Auf diese Frage würde ich wahrscheinlich immer wieder eine andere Antwort finden: je nachdem, was mir gerade wichtig ist. Oder was mir wichtig sein könnte in der Zukunft. Oder was anderen etwas von mir erzählen könnte irgendwann. Wahrscheinlich würde ich aber bereits an der wichtigsten Frage scheitern: Wo bekomme ich eine geeignete Kiste her? Was denken Sie?

Wissensfrage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Auf diese Frage hat jeder eine Antwort, aber nur wenige würden sie offen aussprechen. Der Grund dafür ist natürlich Scham. Es gehört sich nicht, zu lügen. Und je größer die Lüge, desto länger kann sie auch her sein (oder desto länger kann sie erzählt werden), um immer noch auf die Gegenwart zu wirken. Sie wird mit den Jahren größer. Und je älter man wird, desto größere Wahrheiten können sich dahinter verstecken. Welche Gründe fallen Ihnen ein, so lange zu lügen?

»Stillich (Jg. 1969) ist ein erstaunlicher Erzähler, der, ungewöhnlich im Sachbuch-Segment, Poesie mit vorweggenommener Altersweisheit zu verbinden weiß«, schreibt die Frankfurter Rundschau. »Was von uns übrig bleibt« nennt sie »bemerkenswert«, ich habe »ein empfehlenswertes Buch geschrieben, das zu Herzen geht.« Danke für die vielen Blumen. Und danke für den Nachsatz »Verschenken kann man es auch« :).

Bewusst vom Leben lassen

Wir alle wissen, dass wir eines Tages sterben werden. Dennoch haben die meisten von uns den Tod ganz weit weggeschoben. Reden über den Tod fällt nicht leicht, Gedanken darüber machen den meisten Angst. Diese nicht leichte, aber keineswegs nur schwere »Nachtcafé«-Sendung widmet sich den Facetten des Sterbens.

ARD (Mediathek, 90 min.
SWR (mehr Informationen zur Sendung)

Geschmacksfrage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Um diese Frage zu beantworten, gibt es für mich gerade keinen besseren Ort und keine bessere Zeit. Ich sitze auf meinem alten Kinderbett in der Wohnung meiner Eltern, vor mir dampft eine Tasse Kamillentee (die Blüten habe ich mit meinem Vater hinten im Feld früher immer gesammelt für die Schnupfenzeit). Im Sommer riecht es hier nach den Kühen von gegenüber und nach Gräsern. Meine Gegenwart in Hamburg riecht manchmal nach Hopfen, wegen der nahen Holsten-Brauerei. Oder nach Auto. Oder nach der Parfümmischung im Bus. Ich hatte lange keinen Kamillentee mehr getrunken – ich nehme den Geruch mit ins Heute.

Teure Totenscheine

Kurz nach dem Tod ihres Vaters erhält eine Frau von einem Arzt eine Rechnung: mehr als 200 Euro für eine Leichenschau. Das ist viel zu viel, und das ist illegal. Die Ärzte kommen auch damit durch, weil manche Bestatter ihre Kunden nicht auf die erhöhten Rechnungen hinweisen. Und die Ärzte-Lobby weiß, warum die Ärzte zu viel abrechnen: Die Gebühren seien zu niedrig.

ARD (Mediathek, 8 min.)
Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas e.V.

Hochzeits-Ball: Noch einmal ins Kleid schlüpfen

Die eigene Hochzeitsfeier nacherleben – dazu gab es nun in Bodenwerder Gelegenheit: 80 Paare begaben sich beim »Ball der verheirateten Bräute« auf eine Reise in die Vergangenheit. Das heißt: Menschen, die verheiratet sind, tun noch einmal so, als würden sie gerade heiraten. Am selben Ort, gemeinsam mit anderen »Hochzeitspaaren«. Ich finde das interessan – denn die Antworten, die sie geben auf die Frage nach dem Warum, klingen zwar ehrlich, gehen aber nicht tief genug. Worum es wohl wirklich geht?

ndr (Mediathek, 4 min.)

Heiße Frage.

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Diese Frage kann ich für mich gar nicht beantworten, oder jedenfalls können meine Eltern mir keinen Grund nennen. Ich weiß nur: Ich war in meiner Schulzeit in Hessen weit und breit der einzige Sven (und sonst gab es nur noch den Bösewicht aus »Wickie«). Jetzt, in Hamburg, ist das natürlich anders. Aber vielleicht wohne ich auch nur hier, weil es mich schon von klein auf in den Norden gezogen hat – auch wegen des Vornamens?

Bilanzierend

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Auf diese Frage kann ich nur antworten: einiges. Wirklich sehr viel. Dass ich jemals ein Buch veröffentlichen würde, zum Beispiel. Oder dass ich es mal nach bis nach Asien schaffe. Wobei die größten Errungenschaften im Leben gar nichts damit zu tun haben müssen, was man »erreicht« hat – kann man Zufriedenheit erreichen? Oder gute Freunde? Nein. Man kann aber etwas dafür tun, immerhin. Was denken Sie?