Dieser Blog ist eine Fortführung meines Buches »Was von uns übrig bleibt«, das bei Rowohlt erschienen ist (Leseprobe). Es beschäftigt sich mit den Spuren, die wir hinterlassen, wenn wir lange an Orten gelebt haben (oder auch ganz kurz vorbeigeschneit sind), wenn wir Menschen begegnen und sie kennenlernen oder wenn wir die Welt verlassen. »Was von uns übrig bleibt« fragt natürlich auch danach, wie man sich an uns erinnern sollte. Und was Menschen über die Jahrhunderte angestellt haben, um in Erinnerung zu bleiben – an einem Ort, in anderen Menschen, in der Welt. Diese Themen sind mir sehr nahe, deswegen lassen sie mich nicht los, auch wenn das Buch fertig und im Handel ist. Und ich kann mir vorstellen, dass das auch anderen Menschen so geht. Für diese ist diese Website. Was ich hier poste, gibt es übrigens auch auf Facebook.

Sven Stillich

Wenn das Vergessen droht

Das Außenlager Kaufering gehörte zum KZ Dachau. Hier starben tausende Häftlinge in den letzten Kriegsmonaten. Ein Teil der Häftlingsunterkünfte ist bis heute erhalten, deshalb wurde das Lager als „Denkmal nationaler Bedeutung“ eingestuft. Doch eine echte Erinnerungskultur fehlt: es gibt dafür weder Konzept noch Geld. Dabei wäre es allerhöchste Zeit, zu handeln.

ARD (Mediathek, 6 min.)

Zeugenbefragung

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Die Antwort auf diese Frage: wahrscheinlich unter einer oder mehreren Schichten Lack am Türrahmen einer Wohnung in Frankfurt am Main. An der Stelle, an der ich mich als Kind, wenn ich zu Besuch war, immer hingestellt habe, woraufhin ein lieber Mensch mit Kuli einen Strich über meinem Kopf gemacht hat, dann kam ein Datum daneben – und schon konnte man sehen, wie ich größer wurde mit der Zeit. Vielleicht ist das alles noch da, vielleicht nicht. Aber so ist es ja oft mit Spuren.

Falsche Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, bringt sie ja das ganze Selbst zum Wackeln. Nach längerem Nachdenken: Ich glaube fest daran, dass den Menschen immer klar sein wird, dass die »echte Welt« wertvoller ist als jede virtuelle. Wahrscheinlich aber wird das ein Irrtum sein.

Generationen, geschichten

»Arte« zeigt zwei Kurzfilme zum Thema »Generationen«. In »Ich war erst 14« verbindet die Regisseurin Froukje van Wengerden die Stimme ihrer 86-jährigen Großmutter mit den Gesichtern von Mädchen, die heute 14 Jahre alt sind. Und »Fußstapfen“ wirft einen humorvollen Blick auf den Zusammenprall der Generationen, ihrer Werte und Wünsche.

arte (Mediathek, 50 min.)

Frage an der Kreuzung

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Diese Frage fällt mir leicht: Ich denke, ja. Denn ich ändere mich jeden Tag, für jeden Tag. Ob es große Veränderungen geben kann: schwieriger zu sagen. Eher. Nein. Ich denke, der Kern steht irgendwann fest. Die Persönlichkeit, der Charakter. Und der ist schwer zu knacken. Obwohl: Ich hoffe, dass ich mich ändern kann, wenn es darauf ankommt.

Ursprünglich gefragt

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Diese Frage ist nur auf den ersten Blick eine ungewöhnliche. Denn irgendwer hat das ja getan, bewusst oder unbewusst. Wer den eigenen Spuren nachgeht, wird weitere Fragen finden, wie: Wo und wie haben sich meine Eltern eigentlich kennengelernt? Wenn ich ein anderer wäre, wenn ich woanders geboren wäre – wie prägt mich mein Geburtsort? Ein nachdenkliches Wochenende allen!

Hilfreiche Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Diese Frage ist mir wichtig, denn in der Antwort entscheidet sich der Charakter eines Menschen, wie ich finde. Wenn ich kann, wenn ich Zeit habe und die Kraft, dann helfe ich immer. »Die Welt jeden Tag ein wenig besser machen«, schimmert da auch durch, das jüdische »Tikkun Olam«. Wenn man das möglich machen kann – warum sollte man es nicht tun?

Dingliche Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei dieser Frage fallen mir mehrere Dinge ein: ein Kuscheltier aus meiner frühen Kindheit, das ich noch besitze; ein Bündel Etiketten, auf die meine Mutter damals meinen Namen geschrieben hat; eine kleine Lampe, die damals auf meinem Nachttisch stand. Spannend ist die Frage, warum diese Dinge noch da sind. Warum haben sie die Zeiten überlebt und andere nicht? Und welche vielleicht noch älteren Gegenstände liegen noch unentdeckt im Keller meiner Eltern?

Ich frage für einen Freund

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Zu dieser Frage denke ich: nicht unbedingt, aber die Zeit hinterlässt ihre Spuren. Und: Sie steigert die Bindung – man kann auch über Jahre jemanden immer inniger weniger mögen. Vielleicht ist das dann eine besondere Form der Freundschaft, eine von der dunklen Seite des Mondes.

Spielzeugflut im Kinderzimmer

Kulturpessimismus ist oft ein Ausdruck von Nostalgie. Doch wenn Kinder die Welt nicht mehr mit Spielzeug entdecken – und sei es in guten Videogames –, und wenn sie nur noch Lego-Bausätze nachbauen, anstatt mit Legosteinen eigene Objekte zu erschaffen – dann kann das nicht gut sein. Denn das prägt, wie sie die Welt sehen, Orte und andere Menschen.

mdr (Mediathek, 6 min.)

Örtliche Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Diese Antwort fällt mir einfach: von der Hammaburg. Aufgewachsen bin ich in einem Dorf, dessen Name von dem Bach stammt, der durchfließt. Aber manchmal verbergen sich Geschichten und Menschen hinter Städtenamen – die, die am Anfang standen. Deren Name sich gegen die Zeit gestemmt hat.

Freundschaftsanfrage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei dieser Frage fällt mir ein: Ich wäre gerne zielstrebiger, weniger hü und hott, weniger »ach, schau hier doch mal« und »was hat da hinten den so geglitzert?«. Aber daraus erwächst ja gleich die nächste Frage: Wäre das dann noch ich? Und bin ich vielleicht mit den Personen gerade befreundet, weil sie anders sind?

Karfreitagfrage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei dieser Frage fällt mir als erstes meine liebe Freundin Traude ein, der »Was von uns übrig bleibt« in Gedenken gewidmet ist. Ohne sie gäbe es mich so nicht, ohne sie gäbe es dieses Buch nicht. Ihr Grab liegt weit entfernt. Vielleicht besuche ich sie kommende Woche.

Wenn Berufe verschwinden

Als ich klein war, gab es Tickets für die S-Bahn bei einem Mann, der in einem Häuschen am Bahnsteig arbeitete. Das gibt es lange nicht mehr, aber ich muss immer wieder daran denken: Da, wo jetzt der Fahrkartenautomat steht, gab es einmal diesen Mann. So viele Berufe sind verschwunden: Roßtäuscher, Zinngießer, Wachsbossierer. Welche heutigen Jobs werden ihnen ins Vergessen folgen?

ZDF (Mediathek, 26 min.)

Rhetorische Frage

Die einzelnen Kapitel des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? »Papa hat immer gesagt…«, »Wie Oma immer sagte…«: Jede und jeder kann sich an eine Äußerung von Verwandten erinnern, die später wichtig wurde im Leben. Ob sie die Person wirklich gesagt hat, ist dabei nicht immer wichtig. Der Satz ist ein Schnipsel Vergangenheit, der uns an Papa und Oma denken lässt – darum geht es doch vor allem. Oder?

Ein Schädel für Darwin

Menschheitsgeschichte: Das ist eine mehr oder weniger schlüssige Geschichte, die wir uns selbst erzählen – aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fundstücken zwar, aber dennoch bleibt viel Nichtwissen. Das eröffnet Raum für das Verbrechen. So wie bei Charles Dawson und seinem Schädel. Der behauptete, das Bindeglied zwischen Mensch und Affe gefunden zu haben.

ARD (Mediathek, 44 min.)

Über mein Ende will ich selbst entscheiden

Jürgen (50) ist nach einem Hirnstamminfarkt komplett gelähmt. Es geschah von einer Sekunde auf die andere. Auch Harald (48) braucht rund um die Uhr Betreuung. Er leidet unter Multipler Sklerose. Die Krankheit verlief in Schüben, heute ist er bis zum Hals gelähmt. Wenn Harald und Jürgen ihr Leben nicht mehr ertragen können, wollen sie die Freiheit haben, es zu beenden. Doch das wird nicht ohne fremde Hilfe gehen. Darüber, ob die Gesetze das zulassen, wird zurzeit heftig gestritten – auch vor Gericht.

WDR (Mediathek, 44 min.)

Sorry.

Die einzelnen Teile des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Ich versuche, mich immer recht schnell zu bedanken. Deswegen fällt mir gerade niemand ein. Aber vielleicht ist das ja auch die Krux: Dass da draußen vielleicht Menschen darauf warten, dass jemand »danke« sagt – aber die- oder derjenige ahnen davon nichts. Das heißt: Die einen können ewig warten und werden immer grummeliger, die anderen haben nicht einmal die Chance, etwas dagegen zu tun. Also: Reden ist immer besser als Warten. Finde ich zumindest.

Häusliche Frage

Die einzelnen Teile des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Bei meinen Eltern hängen zum Beispiel noch Bilder an der Wand, die ich als Kind gemalt habe. Und Fotos, die ich gemacht habe. Und meine Mineraliensammlung steht noch in der Vitrine. Ich finde es sehr schade, dass es kein Foto der Kinderzimmer-Tapete gibt, mit der ich groß geworden bin. Ich würde so gerne wissen, ob sie wirklich so aussah, wie ich sie im Kopf habe – grün mit kleinen Gänseblümchen drauf.

Trostfrage

Die einzelnen Teile des Buches werden von Fragen eingeleitet, die sich stellen, wenn man darüber nachdenkt, was von einem übrig bleibt. Was soll von mir bleiben, an Orten, in anderen Menschen – am Ende in der Welt? Diese Frage ist sehr persönlich, lässt doch die Antwort aufscheinen, ob jemand offen dafür ist, dass noch Neues da sein wird, für das das Alte Platz machen sollte. Oder ob besser nichts mehr dazu kommen soll im Leben. Ich halte es so: Es ist gut, dass alles vergänglich ist – solange man manchmal die Chance hat, um ein Stück Ewigkeit zu kämpfen und zu gewinnen.